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erdwurm
13.10.2008, 14:52
Premiere-Pleite
Ist George Kofler noch zu trauen?
(0) Von Kai-Hinrich Renner 13. Oktober 2008, 13:05 Uhr
Bis vor Kurzem galt er als Retter des Pay-TV-Senders Premiere, heute steht er unter Verdacht, die Abonnentenzahlen aufgehübscht zu haben. Georg Kofler wirkt so dynamisch wie eh und je. Er strahlt, als er seinen Gesprächspartner erblickt. Es müsse ja eine ziemlich wichtige Sache sein, dass er ihn kurzfristig an einer Kaffeebar treffen wolle.

Foto: AP
Der ehemalige Premiere-Chef Georg Kofler hat den Pay-TV-Sender im Jahr 2007 verlassen. Das Unternehmen steckt in Schwierigkeiten. Wieviel wusste Kofler?



Premiere-Chef Kofler kehrt dem Sender den Rücken Dabei hat Georg Kofler den Treffpunkt an einer der Kaffeebars am Flughafen selbst vorgeschlagen. Und er weiß natürlich auch genau, worum es geht: Der Pay TV-Sender Premiere, dessen Vorstandsvorsitzender er bis Mitte 2007 war, hat eingeräumt, knapp eine Million zahlende Abonnenten weniger zu haben als bislang behauptet. 606.000 Abonnements, die man an Vertriebspartner wie Tankstellen und Handelshäuser weitergereicht hatte, habe man herausrechnen müssen, weil sie bisher nicht aktiviert wurden. Weitere 334.000 Abonnenten könnten nicht länger mitgezählt werden, da sie zwar noch im Besitz einer Smartcard seien, aber schon nicht mehr bezahlten.

„Münchhausen muss zwischenzeitlich sein Hauptquartier in München-Unterföhring bei Premiere aufgeschlagen haben“, spottete die „Süddeutsche Zeitung“. Ist Kofler, der bei dem Pay-TV-Sender die Praxis einführte, Abos mitzuzählen, für die praktisch nichts bezahlt wird, ein Lügenbaron?

Der einstige Senderchef nimmt einen großen Schluck seines Latte macchiato und sagt: „Jeden ausgewiesenen Euro Umsatz hat Premiere real erwirtschaftet.“ Das ist richtig. Auf Fundamentaldaten wie Umsatz und Ergebnis hatte die seltsame Abo-Zählweise keinen Einfluss. Womöglich hat deshalb die Prüfung des Vorgangs durch die Finanzaufsicht BaFin ebenso wenig Konsequenzen wie Gedankenspiele von Aktionärsschützern, gegen Premiere vorzugehen.


Immerhin gaukelten Kofler und sein Nachfolger Michael Börnicke, von dem sich der Sender erst kürzlich trennte, Anlegern mit hohen Abozahlen eine Dynamik vor, die es gar nicht gab. Anlässlich des Börsengangs 2005 sagte Kofler eine Verdoppelung der damals offiziell 3,25 Millionen Abonnenten voraus. Börnicke, der die Zahl der Premiere-Abos zuletzt mit 3,55 Millionen angab, fabulierte gar von zehn Millionen Abonnenten, auf die er in nicht allzu ferner Zukunft kommen wolle. Tatsächlich hat der Sender nach den vom neuen Management veröffentlichten Zahlen mal gerade 2,41 Millionen Abos.

Seine Prognose, die Abo-Zahlen zu verdoppeln, habe er unter dem Vorbehalt abgegeben, dass es gelinge, die Exklusivität der Übertragungsrechte der Fußball-Bundesliga zu erhöhen, sagt Kofler. Eine weitere Voraussetzung sei gewesen, dass sich das digitale Fernsehen flächendeckend durchsetzt.

Aber warum mussten Abos, die kaum etwas einbrachten, überhaupt mitgezählt werden? „Es gibt Pay-TV-Kanäle, die setzen auf mehr Abos und nehmen dafür einen geringeren Pro-Kopf-Umsatz in Kauf, andere machen es umgekehrt“, doziert Kofler. Zu Letzteren zähle Premiere. „Wir wollten es den Leuten möglichst leicht machen, ein Premiere-Abo abzuschließen“, sagt er. „Pay-TV ist in Deutschland kein einfaches Geschäft.“

Wie diese Praxis aussah, enthüllt ein interner Vertriebsbericht des Senders, aus dem „Focus“ zitierte: Da wurden Firmen Abos für Mitarbeiter zum Preis von etwa 1,50 Euro pro Monat angeboten, die sofort in die Statistik eingingen, auch wenn sie von den Neukunden nicht aktiviert wurden. Dies sei „kapitalvernichtend“ gewesen, heißt es in dem Report, weil die Kosten die Erlöse überstiegen hätten.

Kofler sagt, er kenne den Bericht nicht. Den Begriff „kapitalvernichtend“ will er nicht gelten lassen. Mit solchen Aktionen habe man sehr wohl zahlende Kunden gewonnen. Die Abos von Kooperationspartnern seien „sechs bis zwölf Monate“ gelaufen. „Wenn der Kunde das Abo nicht direkt übernehmen wollte, haben wir es auch aus der Statistik rausgenommen.“

Und was ist mit den 334.000 Abonnenten, die, obwohl sie nicht mehr zahlten, in der Statistik blieben? Man habe versucht, sie mit einem Kundenrückgewinnungsprogramm bei Premiere zu halten. Wenn dies nicht gelang, habe man sie nach zwei Monaten aus der Statistik genommen. „Das ist gängige Praxis im Abo-Geschäft und auch bei den meisten Zeitungs- und Zeitschriftenverlagen üblich“, sagt Kofler. „Wir haben immer beide Seiten der Medaille gezeigt: den Umsatz pro Abonnent und die Abonnentenzahl insgesamt.“

Stimmt. Allerdings wurden die Erlöse pro Abo zuletzt nur auf Basis des Gesamtumsatzes ausgewiesen, zu dem auch Erlöse gehören, die nichts mit Pay-TV zu tun haben. Dass der monatliche Programmumsatz eines Premiere-Abonnenten im zweiten Quartal 2008 nur noch bei „16 oder 17 Euro“ lag, erfuhr die staunende Fachöffentlichkeit erst am 2. Oktober vom neuen Senderchef Mark Williams.

„Ich habe mich nicht verdrückt, sondern gesagt, was zu der Sache gesagt werden muss“, meint Kofler. Er glaubt nicht, dass die Affäre seinem Ansehen schadet. Das kann er sich auch nicht leisten.


George Kofler Premiere Abo-TV Pay-TV München Firma Nach dem Ausscheiden bei Premiere hat er eine Firmengruppe aufgebaut, deren Kernstück der Dienstleister Kofler Energies ist. Kofler kann sich vorstellen, ihn eines Tages an die Börse zu bringen. Sollte seine Reputation durch die Abo-Affäre leiden, dürfte das schwer werden.
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