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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Premiere nach Abo-Debakel in der Schusslinie


erdwurm
05.10.2008, 08:51
Der Münchner Bezahlsender Premiere geht durch die schwierigste Phase seit dem Börsengang 2005 und dem Rückzug des ehemaligen Vorstandsvorsitzenden Georg Kofler im vergangenen Jahr. Der Aktienkurs stürzte ab, nachdem das Unternehmen am Donnerstag eine mediale Bombe hatte platzen lassen (SAT+KABEL berichtete).

Kofler bestritt in einer am Samstag vorab verbreiteten Meldung des Magazins "Focus" (kommende Ausgabe) Bilanztricksereien. Unter seiner Führung seien keine falsche Zahlen veröffentlicht worden, "jeder Euro, den wir ausgewiesen haben, ist auch erwirtschaftet worden", sagte der Manager dem Blatt.

Im Umgang mit Abonnentenzahlen gebe es zwei Strategien: Entweder "viele Kunden mit einem geringen durchschnittlichen Pro-Kopf-Umsatz zu gewinnen" – dafür habe er sich entschieden – oder "wenige Kunden mit einem hohen Pro-Kopf-Umsatz auszuweisen". Dies sei offenbar die Philosophie des neuen Managements. Beide Wege ergäben in der Bilanz den gleichen Umsatz.


Premiere und die Abonnenten
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Der "Focus" berichtete unter Verweis auf einen seit Monaten im Internet kursierenden, vermeintlichen Vertriebsbericht von Premiere, dass unter anderem Gratis-Smartcards fürs Kinderzimmer von Tausenden Abonnenten verschickt wurden, auch bei Hotelzimmern seien die Abonnements unabhängig von der Auslastung voll mitgezählt worden. Den Vertriebsbericht kommentierte das Unternehmen gegenüber "Focus" nicht.

Die "Süddeutsche Zeitung" meldete unterdessen, dass auch der "Focus" selbst von den Vertriebspraktiken profitierte: So seien im Gegenzug für Anzeigen des Spartenkanals "Focus Gesundheit" in dem Magazin Abonnenements versprochen worden. Ein Sprecher bestätigte der Zeitung, dass es zwar eine Option auf 190.000 Smartcards gegeben habe, diese seien aber nicht ausgenutzt worden.


"Münchhausen muss zwischenzeitlich sein Hauptquartier in München-Unterföhring bei Premiere aufgeschlagen haben." "Süddeutsche Zeitung"


Premiere hatte am Donnerstagabend die zahlenden Kunden neu "klassifiziert". Dabei nahm der Bezahlsender knapp eine Million Abonnenten aus dem Stamm heraus, weil Hunderttausende Kunden zwar in der Statistik geführt wurden, aber nichts mehr zahlten (SAT+KABEL berichtete). Eingeräumt hatte der Bezahlsender auch, dass 606.000 Abonnements an Geschäftspartner herausgerechnet werden mussten, weil sie nie aktiviert wurden. 334.000 Kunden wurden in der Statistik zwar geführt, diese zahlten aber nichts.

Spekulationen um einen Rückzug von der Börse für eine Restrukturierung


Pay-TV-Sender Premiere (Quelle: Premiere)Die Wirtschaftszeitung "Euro am Sonntag" berichtete unterdessen, dass Premiere einen Rückzug von der Börse erwäge. Dies könne ein Teil der vom neuen Premiere-Chef Mark Williams angekündigten Restrukturierung werden, hieß es unter Berufung auf Unternehmenskreise. Dadurch könnte man das Unternehmen in Ruhe und ohne Druck durch die Quartalsberichterstattung umbauen.

Zudem könnten die überhöhten Abonnentenzahlen der Zeitung zufolge auch juristische Konsequenzen nach sich ziehen. "Die Anwälte werden sich mit den Vorgängen beschäftigen", zitierte "Euro am Sonntag" die Unternehmenskreise. Dabei gerate auch der Aufsichtsrat in die Schusslinie. In den vergangenen Wochen waren neben Premiere-Chef Michael Börnicke auch der Marketing-Vorstand und der Finanzchef gegangen.

85 Prozent Wertverlust der Aktie seit IPO

Premiere hat die Aktionäre nachhaltig verprellt. Seit Anfang Juli verlor das Papier bis heute rund 62 Prozent an Wert. Betrug der Wert am 4. Juli noch 12,14 Euro, stürzte das Papier auf zuletzt 4,60 Euro ab (aktueller Stand). Im Vergleich zum Börsengang im März 2005, bei dem der Kurs bei 31,80 Euro notierte, brach die Aktie um über 85 Prozent ein. Ein Höchststand war kurz nach IPO (Initial Public Offering) bei 32,85 Euro erreicht.
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